Flanieren durch die Altstadt. Meine Top 10 Highlights in der Münchner Innenstadt

von katrin

Wann warst du das letzte Mal in der Altstadt flanieren? Ist wahrscheinlich schon eine Weile her – die meisten von uns kommen ja wenn überhaupt nur zum Shoppen oder mit Besuch von außerhalb in die Innenstadt.

Eigentlich schade – denn neben Marienplatz und Hofbräuhaus gibt es einige Sachen zu entdecken, die nicht nur für Touris interessant sind.

Wie wärs also, wenn du deinen nächsten Spaziergang mal für einen Ausflug in Richtung Stadtmitte nutzt und dort auf Entdeckungstour gehst? Es macht auch Spaß, zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit unterwegs zu sein – wie zum Beispiel nachts oder Sonntagvormittag, wenn noch alles ganz ruhig ist.

Wenn du dann mit offenen Augen durch die Altstadt läufst, wirst du mit Sicherheit einiges bemerken, was dir vorher noch nie aufgefallen ist. Zur Inspiration habe ich dir hier einmal meine 10 liebsten Hightlights zusammengetragen, die einen Altstadtflaniergang auch für Münchner zu einer spannenden Entdeckungsreise werden lassen.

#1 - Betthupferl für’s Münchner Kindl: Das etwas andere Glockenspiel

Fangen wir gleich ganz klassisch an. Das Glockenspiel am Marienplatz ist eine der bekanntesten Touristenattraktionen, die München zu bieten hat.

Ich bin ganz ehrlich: Ich finde es höchstgradig nervig. Und das nicht nur, wenn ich mich auf dem hilflos überfüllten Marienplatz durch zu Salzsäulen erstarrten Japanern mit Selfiestickverlängerung hindurchschlängeln muss, um zur U-Bahn zu kommen.

Denn abgesehen davon klingt die Musik für mich so, als hätte man eine Horde Dreijähriger auf eine Sammlung verstimmter Glocken losgelassen. Außerdem fehlt mir für die ganze Angelegenheit die nötige Geduld. Noch bevor der erste Fanfahrenträger sich auch nur einen Millimeter bewegt hat, musste ich schon drei Minuten ereignisloses Glockengeklimper ertragen, was meine Laune genauso schnell sinken lässt, wie meine Kopfschmerzen anschwellen.

Für diese akustische Tortur dauert mir das ganze Spektakel einfach viel zu lange.

Du kannst dir also ziemlich sicher sein, dass ich die Flucht ergreife, sobald ich das Elf-, Zwölf- oder Fünfuhrläuten am Marienplatz höre.

Das Glockenspiel im Münchner Rathausturm
Das Glockenspiel im Rathausturm

Davon gibt es nur eine einzige Ausnahme: Das Neunuhrläuten am Abend. Denn um diese Uhrzeit ertönt der Nachtwächterruf und das ist ein Teil des Glockenspiels, den ich tatsächlich mag.

Jeden Abend wird pünktlich um 21 Uhr das Münchner Kindl zu Bett gebracht. Zu dieser späten Stunde spielen die Glocken ganz sanft eine Melodie von Wagner und ein Wiegenlied von Brahms – und das bei verminderter Lautstärke. So kann ich das Glockenspiel zur Abwechslung einmal vollkommen kopfschmerzfrei genießen.

Außerdem finde ich es total goldig, wenn der Nachtwächter mit seiner Laterne und seinem Hund zuerst eine Runde dreht, bevor das Münchner Kindl vom Friedensengel begleitet im Rathaus verschwindet und das Licht erlischt. Schon irgendwie süß, oder?

#2, #3 und #4 - Ewiges Leben, Glück in der Liebe und unermesslicher Reichtum am Marienplatz

Was haben ein Brunnen, Shakespeares Julia und ein halb nackter Wüstenheiliger gemeinsam? Einmal findest du alle drei am Marienplatz. Und zweitens haben sie Zauberkräfte.

Ob du’s glaubst oder nicht – du bekommst mitten am Marienplatz das, wovon eigentlich fast alle guten Märchen handeln: ewiges Leben, nie enden wollender Reichtum und Glück in der Liebe.

Und mal ganz ehrlich – was will man mehr?

#2 - Der Fischbrunnen: Geldwäsche auf Münchnerisch

Unermesslichen Reichtum verspricht dir der Brauch vom Geldbeutelwaschen am Fischbrunnen. Im Gegensatz zu anderen Städten, wo man Münzen in einen Brunnen hinein wirft, behalten die Münchner ihr Geld lieber – und versuchen mithilfe des Brunnens an noch mehr davon zu kommen.

Das Wasser vom Fischbrunnen soll nämlich so fruchtbar sein, dass es sogar Geld vermehren kann. Der Sage nach wird dir daher das Geld niemals ausgehen, wenn du deinen Geldbeutel darin wäscht.

Sogar die Stadtverwaltung macht sich unseren Zauberbrunnen zu nutze: Traditionell kommen jedes Jahr am Aschermittwoch der Oberbürgermeister und der Stadtkämmerer am Fischbrunnen zusammen, um das Geldsäckel der Stadt darin zu waschen.

Das Geldbeutelwaschen funktioniert aber natürlich das ganze Jahr über. Eine Sache solltest du dabei aber unbedingt beachten: damit das Wasser seine fruchtbare Wirkung entfalten kann, darf der Geldbeutel nicht leer sein. Denn wo nichts ist, kann sich schließlich nichts vermehren. Ein paar Münzen müssen also auf jeden Fall im Portemonnaie sein.

Fun-Fact am Rande

Die Stadt selbst wird durch ihre Brunnen nicht reich. In den Münchner Brunnen liegen jedes Jahr weniger als 100 Euro! Das deckt wahrscheinlich nicht einmal die Kosten, das ganze Münzgeld wieder rauszufischen…

#4 - Sankt Onuphrius: Eine heilige Lebensversicherung

Nachdem du dir eine Zukunft ohne Geldsorgen gesichert hast, kannst du auch noch für ein möglichst langes Leben sorgen. Dazu verhilft dir der recht spärlich bekleidete Mann an der Fassade von Haus Nr. 17, gegenüber vom Ludwig Beck. Dort prangt ein über zwei Stockwerke großes Mosaik von einem Typen, der ein bisschen wie ein verarmter König auf Nulldiät aussieht. 

Darf ich vorstellen? Der Heilige Onuphrius. Kennst du nicht? Denk dir nichts, damit bist du nicht alleine. Die allermeisten Münchner gehen ihr Leben lang an dem armen Kerl vorbei, ohne ihn zu bemerken. 

Und auch sonst ist Onuphrius kein sonderlich bekannter Heiliger. Der Legende nach war er ein abessinischer Fürstensohn, der im 4. Jahrhundert als Einsiedler ganz allein in der ägyptischen Wüste wohnte. Dort hat er 60 Jahre lang nichts anderes getan außer über Gott nachzudenken und Datteln und Wurzeln zu essen. Erst kurz vor seinem Tod bekam er Besuch von einem bekannten Bischof, der ihn beim Sterben begleitete und später in einem seiner Reiseberichte erwähnte. 

Der Heilige Onuphrius am Marienplatz

Wie genau der liebe Onuphrius seinen Weg aus der Wüste zu uns an den Marienplatz gefunden hat, ist leider nicht gesichert. Möglicherweise hat unser Stadtgründer Heinrich der Löwe die vergoldete Schädeldecke des Heiligen als Reliquie mit nach München gebracht – die ist allerdings schon seit gut zweihundert Jahren verschwunden.

Was wir aus einer Stadtlegende aber wissen: Wenn du Onuphrius ganz tief in die Augen schaust, wird er dich an diesem Tag vor dem plötzlichen Tode beschützen!

Also schenk unserem einsamen Wüstenheiligen möglichst täglich einen Blick (er hat übrigens einen ganz bezaubernden Silberblick) und er wird es dir mit einem langen Leben danken.

#5 - Julia-Capulet-Statue: Unterstützung in Liebesdingen

Was aber sind schon ein langes Leben und haufenweise Geld ohne die Liebe? Damit es auch in diesem Bereich gut läuft, schaust du am Besten noch bei der Julia vorbei. Du findest sie neben dem Alten Rathaus auf der Talseite (wenn du am Eingang vom Spielzeugmuseum vorbei durch den Torbogen gehst, steht sie gleich dahinter auf der linken Seite).

Die Statue von Julia Capulet, der tragischen Hauptfigur aus der wohl bekanntesten aller Liebesgeschichten, ist noch gar nicht mal so alt. Sie ist ein Geschenk unserer Partnerstadt Verona aus dem Jahr 1974 und eine exakte Kopie der Statue, die dort vor der Casa di Giulietta steht.

Zwar ist die Geschichte von Romeo & Julia nicht unbedingt ein Mutmacher, wenn es um Timing und erfolgreiche Beziehungen geht, aber sie gilt trotzdem als Inbegriff der romantischen Liebe. Schließlich ist es eine Liebe, die größer ist als alles andere, sogar größer als der Tod.

Und weil sie so viel davon hat, gibt unsere Julia anderen Liebenden bereitwillig etwas von ihrem Liebesglück ab. Eine leichte Berührung reicht schon, um ihre Gunst zu erwecken, noch besser sind allerdings Blumen. An manchen Tagen trägt sie sogar ganze Sträuße in ihrem Arm.

Übrigens spiegelt sich die Münchner Begeisterung für schöne Dekolletees nicht nur in der Dirndlmode wieder, sondern ist auch bei der Julia nicht zu übersehen. Während die Statue in Verona von oben bis unten von unzähligen Berührungen blank poliert ist, glänzt bei unserer Julia nur die rechte Brust (und ein Zeh, der aus dem Kleid hervor lugt).

Ich bin mir nicht so ganz sicher, was ich von dieser recht einseitigen Vorliebe für Julias entblößten Busen halten soll…

Wenn es dir jedenfalls widerstreben sollte, einer fremden Frau auf offener Straße an die Brust zu fassen – keine Sorge! Sie freut sich sicherlich auch über einen zarten Ellenbogenstreichler, eine Umarmung – oder eine schöne Rose.

#5 - Das Brezenfresko in der Heiliggeistkirche

Ja, du hast richtig gelesen. Wir haben das weltweit einzige Fresko mit einer Breze – und das auch noch in einer Kirche. Sowas kann’s auch nur in München geben.

Allein dafür lohnt es sich einen kleinen Abstecher in die Heiliggeistkirche zu machen und sich die Deckenmalereien der Gebrüder Asam ein wenig genauer anzusehen. Du musst zwar ein bisschen suchen, aber in einem der Freskos im Mittelschiff wirst du einen Mann mit einem weißen Pferd und einer Breze in der Hand entdecken.

Der Brezenreiter in der Heiliggeistkirche

Das Bild soll an eine Tradition erinnern, die fast 500 Jahre lang Bestand hatte: Der alljährliche Breznritt. Im Jahr 1318 rief der wohlhabende Kaufmann Burkhard Wadler die sogenannte “Wadler-Spende” ins Leben, die dem Heilig-Geist-Spital eine wöchentliche Armenspeisung ermöglichen sollte. Zusätzlich dazu gab es einmal im Jahr eine “Sonderspeisung” mit circa 3000 Brezen.

Um die Leute auf die Brezenspende aufmerksam zu machen, ritt in der Nacht zuvor ein Brezenreiter auf einem Schimmel durch die Stadt und verteilte schon im Voraus einen Teil der Brezen an die Münchner Bürger. Dabei rief er laut: “Ihr jung und alte Leut, geht’s hin zum Heiligen Geist, wo’s die Wadler Pretzen geit!”

Im Jahr 1801 fand der Brezenritt allerdings das letzte Mal statt. In diesem Jahr hatte der Reiter nicht genug Brezen dabei und ihm gingen mitten unterm Ritt die Backwaren aus. Das aufgebrachte Volk war deswegen so sauer, dass einige Leute den armen Kerl vom Pferd zogen und krankenhausreif prügelten. Ziemlich undankbar, irgendwie… Das dachten sich die Herren vom Münchner Stadtrat wohl auch und schafften daraufhin die Brezenspende ab.

Zum 849. Stadtgeburtstag wurde der Brauch aber zurück ins Leben gerufen. Seit 2007 reitet der Brezenreiter nun alljährlich wieder durch München und sammelt Spenden für soziale Einrichtungen.

#6 - Papstkrönung im Alter Peter

Trotz ihrer zentralen Lage und beeindruckenden Größe wird die Peterskirche irgendwie ganz gerne übersehen. Dabei gibt es dort eine ganze Menge spannender Geschichten und Eigenheiten zu entdecken, sie ist ja schließlich auch die älteste Kirche Münchens.

Eine der Besonderheiten am Alten Peter ist, dass dort eine eigene Papstkrönung zelebriert wird. Wenn du dir den barocken Altar in der Kirchenapsis mal genauer ansiehst, wirst du darauf eine Figur auf einem Thron entdecken, die wie ein schlafender Papst aussieht.

Der bekannte Stuckateur und Bildhauer Egid Quirin Asam hat hier Petrus dargestellt, der in der Tradition der katholischen Kirche als der Begründer des Papsttums gilt. Umringt von den vier großen Kirchenvätern, trägt Petrus als Zeichen des Kirchenoberhaupts eine goldene Tiara und liest in der Heiligen Schrift (nein, er ist nicht darüber eingeschlafen, auch wenn es von unten so aussieht).

Was das Besondere daran ist? Die Tiara kann abgenommen werden – was immer dann geschieht, wenn ein Papst aus dem Amt scheidet. 

Hauptaltar im Alten Peter

Dann sitzt Petrus so lange ohne Kopfbedeckung auf seinem Thron, bis im Vatikan wieder weißer Rauch aufsteigt und ein neuer Papst gewählt wurde. Danach wird auch die Statue in München wieder feierlich gekrönt.

Damit haben wir übrigens mehr Papstkrönung als Rom – die Päpste lassen sich nämlich seit ungefähr 60 Jahren nicht mehr traditionell krönen.

#7 - Barockexplosion in der Asam Kirche

Wenn du dich mit der Heiliggeistkirche und dem Alten Peter schon ein bisschen auf barocke Kirchenausstattung im Stile der Asambrüder eingestimmt hast, dann bist du jetzt sicherlich bereit für die volle Dröhnung. Denn nichts anderes erwartet dich in der Asamkirche (die eigentlich St.-Johann-Nepomuk-Kirche heißt).

Egid Quirin Asam hat zwischen 1729 und 1733 zusammen mit seinem Bruder Cosmas Damian sämtliche Grundstücke um sein Wohnhaus in der Sendlingerstraße herum aufgekauft, um sich den Traum von einer eigenen Kirche zu verwirklichen. Ohne offiziellen Auftraggeber konnten die Künstlerbrüder sich gestalterisch darin so richtig austoben – und das sieht man definitiv auch. Einen Ort der ablenkungsfreien, stillen Andacht zu schaffen war jedenfalls nicht die Hauptmotivation hinter dem künstlerischen Programm.

Ich bin jedes Mal wieder überwältigt von der Barockexplosion, die sich beim Betreten der kleinen Kirche vor meinen Augen entlädt. Weil die Innenausstattung dieser Kirche einfach schon an und für sich in seiner überwältigenden Gesamtheit ein Highlight ist, will ich dich gar nicht mit irgendwelchen kunsthistorischen Details langweilen.

Mein Flaniertipp daher: schau einfach mal die verschiedenen Figuren mit ihren teilweise echt witzigen, skurrilen und außergewöhnlichen Details genauer an und lass das künstlerische Inferno auf dich wirken.

Memento-Mori-Motiv in der Asamkirche

#8 - Der teuflische Wind um die Frauenkirche

Ich weiß, ich weiß. Die Frauenkirche ist für jeden Münchner eigentlich ein alter Hut. Aber sie gehört halt einfach zu München wie die Schaumkrone aufs gut eingeschenkte Weißbier. Darum darf sie auch in der Liste meiner Highlights auf keinen Fall fehlen.

Aber weißt du eigentlich, warum so ziemlich immer ein Wind um die Kirche weht? Achte mal darauf – selbst an komplett windstillen Tagen geht am Domplatz immer ein kleines Lüftchen.

Das hat mit der wohl berühmtesten Sage Münchens zu tun:

Dombaumeister Jörg von Halsbach wollte unbedingt die Frauenkirche in der rekordmäßig kurzen Bauzeit von nur 20 Jahren fertig bekommen. Da das ohne überirdische Hilfe kaum zu schaffen war, lies er sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein. Der Höllenfürst sollte dabei helfen den Bauprozess zu beschleunigen und im Gegenzug dafür die Seele des Dombaumeisters bekommen.

Meister Jörg handelte aber eine besondere Klausel im Vertrag aus: Er würde seine Seele behalten dürfen, wenn in der fertigen Kirche keine Fenster zu sehen sind.

Am Tag nach der festlichen Einweihungsmesse kam der Teufel auf seinem Freund, dem Wind, nach München geritten. Er war bester Laune, denn er freute sich schon diebisch darauf, seine Seelensammlung um die des Dombaumeisters zu erweitern.

Doch Meister Jörg führte den Teufel sofort nach seiner Ankunft in die Kirche und erinnerte ihn an die Ausnahmeklausel im Vertrag. Weil die Kirche schon geweiht war, musste der Teufel im Vorraum stehen bleiben - er reckte und streckte sich, doch von seinem Standpunkt aus waren tatsächlich keine Fenster zu sehen.

Da erkannte der Höllenfürst, dass er sauber übers Ohr gehauen worden war. Rasend vor Wut stampfte er heftig mit seinem Fuß auf und stürmte auf direktem Wege zurück in die Hölle. Vor lauter Wut hatte er aber nicht nur seinen Fußabdruck im Kirchenboden hinterlassen, sondern auch noch etwas wichtiges vergessen: seinen Freund, den Wind.

Daher weht der Wind bis heute noch um die Frauenkirche – vielleicht in der vergeblichen Hoffnung, eines Tages von seinem Herrn wieder abgeholt zu werden. 

Wenn du dir den höllischen Wind lange genug um die Nase hast wehen lassen, schau dir im Vorraum unbedingt auch noch den Teufelstritt an. Du wirst merken, dass du von diesem Standpunkt aus wirklich keine Fenster sehen kannst (jedenfalls die seitlichen nicht). Vielleicht willst du ja auch testen, wie gut der Abdruck zu deinem eigenen Fuß passt…?

Und weil du das bestimmt schon immer wissen wolltest: Der Teufel hat übrigens Schuhgröße 46. 

#9 - Der Zoo im Alten Hof

Im Alten Hof schaut man nun ja wirklich selten vorbei. Er ist auch ziemlich versteckt und man kann heute nur noch mit viel Phantasie erkennen, dass es sich dabei ursprünglich einmal um eine mittelalterliche Burg gehandelt hat. 

Aber genau die Abgeschiedenheit ist es, was ich an an diesem Ort liebe. Vor allem an Tagen, an denen es in der Altstadt vor lauter Menschen nur so wimmelt, habe ich hier immer das Gefühl einmal tief durchatmen zu können. Und während du im Schatten der Bäume neben dem Brunnen ein kurzes Verschnaufpäuschen einlegst, stell dir einmal vor, wie es früher hier wohl ausgesehen hat. 

Das mittelalterliche Treiben, der ungepflasterte Innenhof, eine kleine Kapelle auf der anderen Seite der Burg, das Gebrüll der Löwen und Affen…

Was? Löwen? Affen? 

Ja, ganz richtig gelesen. Unter Herrschern galt es lange Zeit als ziemlich schick sich exotische Haustiere zu halten. Darum lebten im 13. Jahrhundert am wittelsbacherischen Hof von Ludwig dem Strengen einige Affen, die überall in der sogenannten “Ludwigsburg” herum turnen durften. 

Angeblich hat sich eines Tages aber einer der Affen den neugeborenen Sohn Ludwig (und übrigens späteren Kaiser “der Bayer”) aus seiner Wiege geschnappt und mit ihm gespielt. Als die aufgeschreckte Amme den Affen mit dem Kind entdeckte, floh das Tier mit dem Fürstensohn unterm Arm aufs Dach – und bis auf die Spitze eines kleinen Erkertürmchens. 

Erst nach viel gutem Zureden und wahrscheinlich auch mithilfe der einen oder anderen Leckerei, konnte der Affe wieder vom Dach gelockt werden. Der kleine Ludwig hat das ganze Spektakel der Sage nach verschlafen und zum Glück unbeschadet überstanden. 

An diese Geschichte erinnert mit seinem Namen heute noch das Türmchen, das rechts vom Burgtor an der Fassade angebracht ist: Der Affenturm. 

Doch nicht nur Ludwig der Strenge hatte einen Faible für außergewöhnliche Haustiere. So war zum Beispiel Herzog Albrecht V. für seinen extravaganten Lebensstil bekannt. Der Luxus liebende Herzog gab nicht nur Unsummen für seine Kunstkammer aus und stürzte den Staat mit seiner Verschwendungssucht in horrende Schuldverhältnisse, sondern er hielt sich auch einen privaten Zoo mit exotischen Tieren. 

Für diesen Zoo schenkte ihm 1572 der Kaiser höchst persönlich einen Elefanten. Man erzählt sich außerdem, dass Albrecht V. immer von einem zahmen Löwen begleitet wurde. Selbst auf den Porträts des Herzogs ist das Tier meist mit abgebildet.

Der Löwe ist übrigens das Wappentier der Wittelsbacher. Albrecht V. war daher auch nicht der einzige, der sich einen Löwen hielt. Es gab sogar ein eigenes Löwenhaus direkt neben der Burg: am Löweneck (in der heutigen Burgstraße) waren die Stallungen und der Löwenwärter untergebracht.

Hans Mielich, Herzog Albrecht V. von Bayern mit einem Löwen, datiert 1556

Man kann sich also vorstellen,  dass es nicht immer so schön ruhig im Innenhof des Alten Hofes gewesen ist. Mit all den Affen, Löwen und Elefanten wird es wohl einen ganz schönen Radau gegeben haben. 

#10 - Kardinalstugenden und geschwätzige Preißen am Odeonsplatz

Und weil es im Anschluss so gut passt, ist unsere letzte Station gleich nochmal bei ein paar Löwen, diesmal am Odeonsplatz.

Du hast sicherlich schon einmal gehört, dass es Glück bringt, wenn man die kleinen Löwenstatuen vorm Eingang der Residenz an der Nase reibt. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Denn jeder dieser Löwen steht für eine der vier sogenannten Kardinaltugenden: Klugheit (Prudentia), Gerechtigkeit (Iustitia), Tapferkeit (Fortitudo) und Mäßigung (Temperantia).

Je nachdem, wovon du also in deinem Leben gerade mehr gebrauchen kannst, suchst du dir den entsprechenden Löwen aus, reibst an seinem Näschen und hoffst, dass ein bisschen was davon auf dich überspringt. Praktisch, oder?

Die beiden großen Löwenstatuen vor der Feldherrnhalle haben auch noch eine Besonderheit an sich. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass der zur Theatinerkirche gewandte Löwe ein offenes Maul hat und der andere, der Richtung Residenz schaut, ein geschlossenes?

Löwe vor der Feldherrenhalle

Wieso das so ist, dazu gibt es mal wieder verschiedene Theorien. Eine davon besagt, dass die Löwen symbolisieren sollen, wie über Autoritäten geredet werden darf: über weltliche Herrscher kann man sich ruhig aufregen, über die Kirche soll man aber nie etwas schlechtes sagen.

Eine andere Version interpretiert die Löwen als Inbegriffe der bayerischen und preußischen Mentalität. Die Preußen reden viel heiße Luft und sind auf weltliche und militärische Macht fixiert, während der Bayer lieber den Mund hält und ein gottesfürchtiges Leben führt.

Tja, und da wundern sich die Bayern immer, wieso der Rest des Landes denkt, wir wären arrogant…

Was sind deine Highlights?

Liebe Nicht-Bayern und Zuagroasten, bitte verzeiht mir  das obligatorische Preißenbashing zum Abschluss. Völlig ohne geht’s in München halt leider nicht. 

Aber egal ob du alteingesessener oder Neu-Münchner bist oder vielleicht auch einfach nur zu Besuch – ich hoffe, du hast dich zu einem wunderschönen Flaniergang durch die Altstadt inspirieren lassen. 

Ich bin jetzt natürlich furchtbar neugierig, was du beim Flanieren alles neues entdecken wirst – oder vielleicht hast du eh schon ein paar persönliche Highlights in der Innenstadt? Dann schreib mir gerne unten einen Kommentar, ich freue mich von dir zu lesen!

Bildnachweise:

Beitragsbild: © Katrin Schultze-Naumburg

Das Glockenspiel am Rathausturm: © Katrin Schultze-Naumburg

Der Heilige Onuphrius am Marienplatz: © Katrin Schultze-Naumburg

Der Brezenreiter in der Heiliggeistkirche: Standardizer, Brezenreiter Deckenfresko Heilig-Geist-Kirche München, lizenziert durch CC BY-SA 3.0

Hauptaltar im Alten Peter: Diliff, Peterskirche Munich – St Peter’s Church Altar, CC BY-SA 3.0

Memento-Mori-Motiv in der Asamkirche: Wolfgang Rieger, Asamkirche – München – Narthex – 03, Bildbearbeitung von Katrin Schultze-Naumburg, CC BY-SA 3.0

Hans Mielich, Herzog Albrecht V. von Bayern mit einem Löwen, datiert 1556: Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, 3846, ©KHM-Museumsverband, lizensiert durch CC BY-NC-SA 4.0

Löwe vor der Feldherrenhalle: © Katrin Schultze-Naumburg

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