Was ist Heimat für mich? Von einer lebenslangen Suche

von katrin

Heimat. Das ist echt ein großes Wort. Und die versammelten Ideen, Gefühle, Stimmungen und Meinungen dahinter noch viel größer.

Für die aktuelle Folge von unserem Podcast diridari.fm habe ich mich ausführlich mit dem Konzept “Heimat” beschäftigt. Dabei ist es leicht (und verführerisch) sich in gesellschaftlichen Debatten und kulturgeschichtlichen Begriffsanalysen zu verlieren.

Doch so viel Spaß es mir auch macht, mit intellektuellen Gedanken herum zu jonglieren: Bei einem Thema wie „Heimat“, kommt man als Mensch früher oder später nicht darum herum, sich selbst in diesem komplexen Feld verorten zu wollen.

Irgendwo auf halbem Wege zwischen verkitschter Nostalgie und linker Gesellschaftskritik stellte sich für mich also die Gretchenfrage: Was ist Heimat eigentlich für mich?

Ein Begriff, viele Facetten

Die Antwort darauf ist so komplex und vielschichtig wie die gesellschaftskritischen Diskussionen rund herum. Mit Sicherheit zu komplex und auch individuell, um sie in einem Blogartikel hinreichend beantworten zu können.

Aber eines ist mir inzwischen klar. Was Heimat für mich ist, das ist weder etwas Statisches noch etwas Eindimensionales. Mit jeder Lebensentscheidung und jedem Lebensabschnitt, jeder Veränderung und jeder Farbschattierung meiner Persönlichkeit kommt eine andere Vorstellung davon dazu. Manche sind fester Bestandteil von mir, andere werden ausrangiert, irgendwann wiederbelebt oder archiviert, in Alben geklebt oder ganz verworfen.

Die Balance zwischen Verklärung und Zynismus

Die verschiedenen Heimatbegriffe, die ich in mir trage, sind sich mitnichten immer einig. Zum Beispiel gibt es die rationale Seite an mir, die um Sachlichkeit und Professionalität bemüht ist. Die mit kulturwissenschaftlich abgeklärter Distanz den Begriff seziert, in Zeitkontexte einordnet und sozialgeschichtlich analysiert. Die genau weiß, dass fast alles relativ und erklärbar ist. Mit genügend Abstand, versteht sich.

Dieses rationale Ich hat für Gefühle nicht viel übrig, für rührselige gleich schon mal gar nicht. Ganz anders tickt da die eher versteckte Romantikerin in mir. Mit der hat sich die Akademikerin lange schwer getan – und tut es manchmal immer noch. Zum Beispiel wenn ich in meinem Pinterest-Feed an dem Spruch “Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl” hängen bleibe, im Hintergrund ein verträumtes Landschaftsbild. Und das dann irgendwie schön finde.

“Harmloser Kitsch”, denkt die Romantikerin. “Das kann man über die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts auch sagen – und dann kam Hitler”, entgegnet die Historikerin. Und recht haben irgendwie beide.

Damit ist ein Dilemma ganz gut auf den Punkt gebracht, das sich auch in der gesellschaftlichen Debatte um den Heimatbegriff wiederfindet. Während sich die einen fragen, wieso ein so schönes Gefühl etwas schlechtes sein kann, warnen die anderen vor nostalgisch verklärter Blindheit. Aufzulösen ist das kaum, die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Es ist eine Frage der Balance zwischen Naivität und Alarmismus, zwischen Verklärung und Zynismus.

Für jeden Lebensabschnitt eine eigene Heimat

Doch dann gibt es da noch diese vielen Lebensabschnitts-Versionen von mir. Jede mit ihrer eigenen Zuschreibung, was Heimat ist. Und die können mit gesellschaftstheoretischen Ansätzen herzlich wenig anfangen. (Mit kitschigen Zitaten übrigens auch nichts.) Denn ihre Idee von Heimat war eine andere, sehr individuelle.

Da gab es das rebellische Teenager-Ich, das Nazis-in-den-Mülleimer-Aufkleber verteilte und eine Heimat zwischen den drei Akkorden seiner Lieblingsband fand.

Oder etwas später das Auslandsaufenthalts-Ich, das ein halbes Jahr in Florenz saß, kreuzunglücklich mit Liebeskummer und Heimweh. Und für das Heimat zum alles entscheidenden Sehnsuchtsort wurde.

Das Studentinnen-Ich in Heidelberg, das zum ersten Mal merkte, was der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause ist.

Oder auch das Münchner WG-Ich, das für eine selig taumelnde Zeit lang eine zweite Familie und darin eine neu entdeckte Heimat gefunden hatte.

Das verrückte ist, dass sich in jedem dieser Momente meine Idee von Heimat unumstößlich, unabänderlich und nach “für immer” anfühlte. Und jede einzelne habe ich wieder abgelegt. Wieso haben sie nicht länger gehalten als ein paar Monate oder Jahre?

Heimat und Identität

Was meine früheren Versionen alle gemeinsam hatten: Sie waren auf der Suche nach etwas, das ihnen Halt geben konnte. Sie brauchten etwas, womit sie sich identifizieren konnten. Etwas, das wie ein Kompass funktionierte. Und solange der Kompass nicht in ihnen selbst genordet war, zeigte die Nadel konsequent in die Richtung, wo sie eine Antwort auf ihre Suche vermuteten. Auf Städte, Orte, Menschen, Ideologien.

Ist die Suche nach Heimat am Ende eine Suche nach der eigenen Identität? Auf jeden Fall kann man kaum über ersteres sprechen, ohne auch über letzteres nachzudenken.

“Heimweh ist heute meist die Suche nach Selbstgewissheit in einer sich rasch verändernden Welt, die auch die eigene Identität verunsichert.”

Daniel Hell, Psychotherapeut und Autor

Aus psychologischer Sicht ist die Suche nach Heimat eng verknüpft mit der Suche nach Stabilität, Sicherheit, Bindung und Geborgenheit. In der heutigen Welt sind wir aber von klein auf und beständig harten Brüchen in unseren Sozialgefügen ausgesetzt.

Das hinterlässt Spuren. Und resultiert in einer Sehnsucht nach Heimat, Zugehörigkeit und Sicherheit. Die Suche nach Heimat entspringt demnach unserem Selbst, wie auch unserer verunsicherten Identität. Und kann auch nur dort aufgelöst werden.

Keine Suche nach Heimat, ohne Suche nach dem Selbst

Für mich war es von der Frage, was Heimat für mich ist, nicht weit zu der Frage: Wer bin ich? Die Suche nach meiner Heimat war untrennbar mit der Suche nach meinem Selbst verknüpft.

Darum glaube ich heute auch nicht mehr, dass ich meine Heimat im Außen finden kann. Viele Jahre bin ich planlos durch die Welt gestolpert, ohne zu bemerken, dass ich sie womöglich in all der Zeit dabei hatte. Jetzt habe ich vor allem dann ein Gefühl von Heimat, wenn ich mir selbst nah bin. Und fühle mich das erste Mal überhaupt in meinem eigenen Leben angekommen.

Meine Antwort auf die Frage danach, was für mich Heimat ist, ist somit klarer und gleichzeitig komplexer geworden. Denn dann müsste ich mir eine Antwort darauf geben können, wer ich bin. Und das herauszufinden, wird wohl für den Rest meines Lebens ein Prozess bleiben. Wenigstens die Kompassnadel ist inzwischen im Innen genordet – und das erleichtert die Suche enorm.

Wie immer bin ich neugierig: Was ist Heimat für dich? Hinterlass gerne deine Gedanken in den Kommentaren.

Noch mehr Hintergründe und Gedanken rund um die Idee von Heimat teilen wir in unserer Podcastfolge von diridari.fm mit dir. Reinhören lohnt sich!

Literaturnachweis

Daniel Hell, Heimat und Identitätssuche, Psychologie Heute am 10.10.2018.

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