Neuhausen ist ein Traum. Aber anders als du denkst

von katrin
München Neuhausen

In welchem Münchner Viertel wolltest du schon immer mal wohnen? Bei mir war das lange Zeit Neuhausen.

Als Münchner Stadtrandkind war Neuhausen für mich der Inbegriff von urbanem Lifestyle. Auch wenn ich heute den Reiz am ruhigen Stadtrand-Leben erkennen kann – als Teenager fand ich es stinklangweilig. Und habe heimlich von einer schicken Altbauwohnung in Neuhausen geträumt.

Dass dieser Traum tatsächlich wahr werden würde, hätte ich wahrscheinlich selbst nie gedacht. Doch zufälligerweise habe ich vor vier Jahren ein WG-Zimmer mitten in Neuhausen ergattert. Damals konnte ich mein Glück kaum fassen und habe voller Begeisterung das Leben im neuen Viertel aufgesogen.

Spätherbstliche Geranien in der Schlörstraße

Und vier Jahre später? Hat das Leben in Neuhausen meine Erwartungen erfüllt? Ja und nein.

Neuhausen ist anders als sein Ruf

Das witzige ist: Das Wesen von Neuhausen ist ganz anders als sein Image. Es ist viel bodenständiger, dörflicher und weniger fancy als sein Ruf. Doch genau das macht es auch so viel sympathischer. Zwar war mein Leben nur halb so glamourös wie mein 18-jähriges Ich sich das erträumt hatte, doch wahrscheinlich fühlt sich gerade deswegen mein 30-jähriges Ich hier auch pudelwohl.

Oder besser gesagt: Hat sich wohl gefühlt. Denn vor ein paar Wochen bin ich in ein anderes Viertel gezogen. Der Abschied ist mir nicht leicht gefallen, schließlich war mir Neuhausen nach so langer Zeit wirklich ans Herz gewachsen.

Doch ich bin grundsätzlich kein Kind von Traurigkeit. Warum die Not also nicht zur Tugend machen und meinen Abschied als Anlass für einen neuen Artikel nutzen? Schließlich hat Neuhausens Charme ganz viel mit seiner Geschichte zu tun. Und mein letztes Viertel-Rendezvous ist auch schon wieder eine Weile her.

Also hab ich schnell die Tränchen abgewischt – und Neuhausen um ein letztes Rendezvous gebeten.

Am Anfang war ein Dorf

Bis heute steht Neuhausen seine Geschichte förmlich ins Gesicht geschrieben. Wie viele der Münchner Stadtviertel war es ursprünglich ein kleines Dorf. Unweit der Stadtmauern lag es an der regen Handelsstraße Richtung Augsburg.

Rund um die Winthirstraße, die früher die Dorfstraße war, lebten Bauern und Handwerker. Beim Großwirt, wo wir heute noch hervorragende Schnitzel essen können, war die ehemalige Dorfkneipe. Und auch die Winthirkirche mit dem malerischen Friedhof ist schon viele hundert Jahre alt und bis heute einer der friedlichsten Orte Neuhausens. In dieser Ecke ist der dörfliche Charakter von früher noch immer spürbar.

Im 19. Jahrhundert boomte schließlich die Industrie im Münchner Westen: Brauereien, der Eisenbahnbau und die Post siedelten sich an und mit ihnen die Arbeiter und ihre Familien. Das 400-Seelen-Dorf wuchs innerhalb von 50 Jahren um das Dreißigfache und näherte sich München baulich immer weiter an. Als es 1890 schließlich eingemeindet wurde, lebten bereits 11.500 Menschen in Neuhausen.

Das neue Viertel wurde so zum Bindeglied zwischen dem Münchner Stadtgebiet und dem herrschaftlichen Schloss Nymphenburg mit seinen Villenkolonien. Wo die Grenze verläuft, ist im Straßenbild kaum zu übersehen: Denn je weiter man Richtung Kanal vordringt, desto vornehmer werden die Häuser und umso verwunschener die Gärten, die sie umgeben.

Winthirkirche Neuhausen
Winthirkirche Neuhausen

Auch die Nymphenburger Straße erinnert namentlich noch daran, dass sie für die Hofgesellschaft einmal die Direktverbindung in die königliche Sommerresidenz war. Sie führte direkt an Neuhausen vorbei und ist heute eine der Hauptverkehrslinien in Richtung Innenstadt.

Moderne Wohnarchitektur für die Arbeiterschaft

Außer der Lage verband die beiden Gegenden aber nichts. Denn in Nymphenburg freute sich vor allem das Großbürgertum seines Lebens. Das wohnte dort in großzügigen Gartenvillen und genoss das vielfältige Freizeitangebot außerhalb der Stadt. Die Bewohner Neuhausens lebten hingegen in beengten Arbeiterwohnungen und schufteten lange Tage in den Industriebetrieben der Bahn oder der Brauereien.

Bringst du Neuhausen auch mit Altbauwohnungen und verschnörkelten Gründerzeitfassaden in Verbindung? Mir ging es zumindest früher immer so. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich das Viertel an vielen Ecken wesentlich schlichter, ohne Erker oder Stuckverzierungen an den Fassaden.

Das liegt nicht etwa allein daran, dass der alte Baubestand durch Neubauten ersetzt worden wäre. Es gibt vielmehr eine Reihe an Häusern, die zwar schon ein gutes Jahrhundert auf dem Buckel haben, aber nicht dem klassischen Klischee vom Altbau entsprechen.

Genossenschaftswohnungen der Bahn am Schäringerplatz
Genossenschaftswohnungen der Bahn am Schäringerplatz

Wohnraum war in München seit jeher ein Thema. Schon vor 100 Jahren war es eine ziemliche Herausforderung, alle Beschäftigten aus den Industriebetrieben in Wohnungen unterzubringen. Daher experimentierte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit verschiedenen Wohnkonzepten: Viele Genossenschaftswohnungen entstanden, für die Architekten neue Wohnungsbauten ersannen und die an den Bedürfnissen der Moderne und der Arbeiterschicht ausgerichtet waren. Dabei stand vor allem der Nutzen im Vordergrund, ohne Firlefanz, ohne Stuck – also aus heutiger Sicht ohne „Altbaucharme“.

Die Siedlung Neuhausen

Ein Paradebeispiel dafür ist die Siedlung Neuhausen. Im Auftrag der GEWOFAG wurde von 1928 bis 1931 unter der Planung von Hans Döllgast ein städtisches Gesamtbauprogramm umgesetzt. Einige der Bauten stehen unter Denkmalschutz und die ganze Siedlung ist als Gebäudeensemble eingetragen. Die Häuser sind sehr schlicht gehalten und größtenteils in Zeilenbauweise errichtet worden. Weil es bei dieser Bauart keine Innenhöfe gibt, konnte bei den Wohnungen kein Rangunterschied in Vorder- oder Hinterhaus gemacht werden. Somit waren alle Bewohner gleichgestellt, was dem veränderten Zeitgeist und dem Selbstverständnis des modernen Arbeiters entsprach.

Zeilenbauweise an der Wendl-Dietrich-Straße in der Siedlung Neuhausen
Zeilenbauweise der Siedlung Neuhausen an der Wendl-Dietrich-Straße

Als ich die Siedlungen auf meinen Spaziergängen das erste Mal bemerkt habe, sind mir zwei Wohneinheiten besonders aufgefallen. Zum einen der Künstlerhof, der vom Architekten Uli Seeg entworfen worden war. Dort werden die Wohnhäuser um eine eingeschossige Reihe an Ateliers ergänzt und umfassen anschließend an eine Mauer mit Hoftor einen malerischen Innenhof. Mitten im städtischen Umfeld der Arbeiterquartiere hat Seeg so ein kleines, ländlich wirkendes Idyll erschaffen, das heraussticht.

Ateliers im Künstlerhof in Neuhausen
Ateliers im Künstlerhof in der Siedlung Neuhausen

Zum anderen fällt architektonisch der Amerikanerblock am Steubenplatz ins Auge. Als zuletzt verwirklichter Wohnblock tanzt er ein wenig aus der Reihe, denn er ist nicht nur höher als die übrigen Gebäude, sondern wurde von den Architekten Otho Orlando Kurz und Eduard Herbert im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet. Die symmetrische Fassade mit den abgerundeten Balkonen aus Klinkersteinen bildet bis heute an der vielbefahrenen Kreuzung einen markanten Blickfang.

Amerikanerblock in der Siedlung Neuhausen
Amerikanerblock in der Siedlung Neuhausen

Das Mettinghviertel: Geburtsort der DAP

Wie man sich denken kann, herrschte unter so vielen Arbeitern ein SPD-nahes Klima. Doch nicht alle hatten Sympathien für die linke Arbeiterbewegung übrig. Denn auch eine politische Bewegung, die Deutschland später noch seine dunkelsten Stunden bescheren sollte, fand in Neuhausen seinen Anfang.

Von meinem WG-Zimmer aus konnte ich auf das sogenannte Mettinghviertel blicken. Dort befanden sich ab den 1870er Jahren die Zentralwerkstätten der Eisenbahn. Auch heute befindet sich der Sitz der Deutschen Bahn noch in dieser Gegend westlich der Donnersbergbrücke .

Im Jahr 1919 gründete der Schlosser Anton Drexler gemeinsam mit dem Journalisten Karl Harrer im Hinterzimmer einer Kneipe in der Mettinghstraße die DAP, die Deutsche Arbeiterpartei. Nur wenige Monate später erhielt die junge Partei ein neues Mitglied: Adolf Hitler. In Drexlers Wohnung in der Burghausener Straße erarbeiteten sie gemeinsam das erste Parteiprogramm der DAP und legten damit den Grundstock für die spätere NSDAP.

DAP-Mitgliedsausweis von Adolf Hitler
DAP-Mitgliedsausweis von Adolf Hitler
(Gemeinfrei, Wikimedia)

Schon bevor ich von dieser Geschichte erfuhr, fand ich das Mettinghviertel wenig ansprechend, fast schon beklemmend. Dass die DAP dort ihre Geburtsstunde erlebt hat, verleiht der Gegend nach meinem Empfinden einen noch düstereren Anstrich. Das ist natürlich nicht rational, aber vielleicht kennst du das ja: Manchmal fühlt man sich in einer Gegend einfach nicht wohl. Und es zeigt mal wieder, dass Orte untrennbar mit ihren Geschichten verknüpft bleiben – auch wenn sie schon lange vorbei sind.

Popcorn und Streetart am Mittleren Ring

Womit ich wesentlich Positiveres verbinde, ist das Neue Maxim in der Landshuter Allee. Es ist das drittälteste Kino Münchens und wurde bereits 1912 als “Lichtspieltheater des Westens” gegründet. Vor fünf Jahren wurde es renoviert und bekam einen zweiten Kinosaal, wo man im perfekten Wohnzimmerfeeling Arthouse-Filme gucken kann. Der alte Kinosaal geht mit einer Glasfront direkt zur Straße raus und während man auf den alten Sesseln im Dunkeln sitzt, hört man im Hintergrund immer das leise Rauschen des Mittleren Rings. Ich habe es geliebt, mich hier mit Popcorn, Limo und einem guten Indiefilm selbst auszuführen.

Neues Maxim in Neuhausen
Neues Maxim in Neuhausen mit Corona-bedingtem Spielplan: Nothing

Fast direkt vor dem Kino trifft die Landshuter Alle auf den Mittleren Ring, der seit1970 Neuhausen achtspurig durchschneidet. Das bedeutet natürlich eine immense Lärmbelastung und Luftverschmutzung – die hier gemessenen Stickstoff-Werte sind seit Jahren die schlechtesten in ganz Bayern! Außerdem zerstückelt die schwer zu überwindende Barriere aus vorbeirauschenden Autos das Viertel gnadenlos.

Dieser anhaltende Fluss an Verkehr steht symbolisch für Münchens Verkehrspolitik ab den 1960er Jahren. München sollte Autostadt werden, München wurde Autostadt. Und ist es heute noch. Wie du weißt, bin ich leidenschaftliche Fußgängerin, die selbst kein Auto besitzt. Darum schmerzt es mich jedes Mal, wenn ich die Fluten an Verkehr sehe, die sich täglich über den Ring bewegen.

Abgesehen davon empfinde ich es auch als sehr störend, dass sich diese Schneise mitten durchs Viertel gräbt. Neuhausen wird dadurch seine Kontinuität genommen und der westliche und östliche Teil fügen sich nicht so recht zu einem Ganzen zusammen.

Als eine der wenigen Möglichkeiten, um auf die andere Seite der Neuhausener Stadtautobahn zu gelangen, gibt es auf Höhe der Schlör- bzw. Blutenburgerstraße eine Unterführung. Dort zeigt sich mal wieder der schöpferische Drang des Menschen, im Hässlichen Schönes entstehen zu lassen. Denn die Unterführung wurde wie eine unterirdische Galerie mit Graffitikunst ausgestaltet. Auf dem Weg zum Supermarkt habe ich hier immer gerne etwas Zeit vertrödelt und die Sprüche an den Wänden gelesen.

Graffitikunst unterm Mittleren Ring
Graffitikunst unterm Mittleren Ring

Immer was los am Rotkreuzplatz

Bis der Mittlere Ring gebaut wurde, war die Donnersberger Straße die Hauptverkehrsader Neuhausens. Die Tram Richtung Harras fuhr dort entlang und beide Straßenseiten waren gesäumt mit Geschäften, Cafés und Restaurants. Sie muss wohl eine regelrechte Vergnügungsmeile gewesen sein. Diese Zeiten hat die Donnersberg Straße definitiv hinter sich. Zwar gibt es noch immer Cafés und Restaurants, eine Feiermeile ist sie aber nicht gerade.

Für mich war sie vor allem die Direktverbindung mitten ins Herz von Neuhausen: Zum Rotkreuzplatz. Der ist ohne Frage auch heute noch das lebhafte Zentrum von Neuhausen, denn dort herrscht immer reger Betrieb. Wenn nicht gerade Wochen- oder Christklindlmarkt ist, sieht man Greenpeace-Aktivistinnen vorbeieilende Passanten bezirzen, alte Leute ratschend auf den Bänken sitzen, Kinder im Brunnen spielen und rundherum ein ständiges Gewusel an Menschen, Kinderwägen und Fahrrädern.

Obststand am Rotkreuzplatz
Obststand am Rotkreuzplatz

Vor mehr als 400 Jahren hat sich der Hofkanzler des Kurfürsten, Johann Gailkircher, einen Herrensitz an diese Stelle bauen lassen. Nachdem das Gebäude im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war, bauten die Wittelsbacher das Anwesen wieder auf und machten sich ein hübsches Jagdschlösschen daraus. Bis heute erinnert die Wirtschaft Jagdschlössl am Platz daran.

Im 19. Jahrhundert eröffnete schließlich die Schwesternschaft des Roten Kreuzes in der Gegend ein Spital. Wie du dir sicher schon denken kannst, gehen sowohl der Name Rotkreuzplatz als auch das heutige Rotkreuzkrankenhaus auf diese Gründung zurück.

Eine lange Tradition hat auch das Eiscafé Sarcletti, das für sein leckeres Eis in ganz München bekannt ist. Denn als erster Eisverkäufer Münchens schob ab den 1880er Jahren der Italiener Peter Paul Sarcletti seinen Eiswagen durch die Stadt. Sein Sohn Ludwig verlegte den Verkauf dann ab den 1920ern in einen festen Eiskiosk am Rotkreuzplatz und 1979 wurde schließlich das heutige Eiscafé eröffnet.

Das Rotkreuzkrankenhaus
Das Rotkreuzkrankenhaus

Wo das Herz von Neuhausen schlägt

Der Rotkreuzplatz ist wahrlich nicht schön. Es herrscht immer viel Verkehr, oft wird es hektisch, es ist laut und die meisten Gebäude rundherum sind ziemlich hässlich. Ich mag ihn trotzdem. Er bildet ein buntes Zentrum, wie ein stetiger Herzschlag läuft hier das Leben des Viertels zusammen.

Auch Neuhausen ist nicht überall schön, ebenso wenig wie seine Geschichte. Viele Ecken erzählen von harter Arbeit, vom einfachen Leben, von Industrialisierung und Städtewachstum. Doch genau dadurch gewinnt es an Charme. Ich war überrascht, wie wenig es mit dem stuckverzierten Bild übereinstimmte, das ich – und viele andere Münchner – vorher von Neuhausen hatte.

Wie immer bin ich neugierig: Was für ein Bild hattest du bisher von Neuhausen? Und in welchem Viertel wolltest du schon immer mal leben? Schreib mir gerne in die Kommentare!

Beitragsbild und Artikelbilder: © Katrin Schultze-Naumburg

Meine Quellen

KulturGeschichtsPfad “Ludwigvorstadt, Isarvorstadt”, herausgegegeben von der Landeshauptstadt München, München 2018 (2005).

Anna Fischhaber: Münchner Stadtteile: Neuhausen. Geschichte, Daten, Fakten, SZ-online vom 7.11.2011.

Johann Hartl: Wittelsbacher Gymnasium. Das Marsfeld, Online-Beitrag auf www.stadtgrenze.de.

Webseite des Neuen Maxim, 105 Jahre Kinogeschichte

Historisches Lexikon Bayern

Wikipedia, mein bester Freund und Helfer

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Was ist Heimat für mich? Von einer lebenslangen Suche - Stadtflaneurin 16. Februar 2021 - 15:56

[…] das Münchner WG-Ich, das für eine selig taumelnde Zeit lang eine zweite Familie und darin eine neu entdeckte Heimat gefunden […]

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