Verrückt nach Mary. Warum du in München so oft der Mutter Gottes begegnest

von katrin
Maria Untergiesing

“Wieso wurde in München eigentlich so vieles nach Maria benannt?” Das hat mich einmal eine Touristin gefragt, die auf einer meiner Stadtführungen mitlief. Im ersten Moment konnte ich mit der Frage gar nicht so viel anfangen, bis ich begriff, was sie meinte.

Wenn man, so wie ich, in München oder auch sonst irgendwo im katholischen Bayern aufgewachsen ist, dann sind Orte, die nach Heiligen benannt wurden das Normalste der Welt. Und dass Maria besonders häufig als Namensträgerin auftaucht, erscheint hinsichtlich ihrer Funktion als Gottesmutter auch nur logisch.

Die Häufigkeit der Marienbezüge in München sind aber in der Tat schon sehr auffällig. Allein dass der Marienplatz mit der Mariensäule als unser Stadtmittelpunkt nach der Mutter Gottes benannt wurde, ist für sich genommen schon ein ziemliches Statement. Doch daneben gibt es dann ja auch noch den Marienhof, die Marienstraße und – na klar – den “Dom zu unserer Lieben Frau” (womit ebenfalls Maria gemeint ist), sprich die Frauenkirche mit dem Frauenplatz davor.

Auch sonst fehlt es in der Stadt nicht an Marienverweisen. Seien es Kirchen, die Mariahilf, Maria Trost oder Maria Heil getauft wurden, Straßennamen und Orstbezeichnungen wie Maria Einsiedel oder Maria Eich oder all die zahlreichen Marienfiguren und -abbildungen, die an Häuserfassaden und selbstverständlich auch in Kirchen zu finden sind.

Dass Maria als die Mutter von Jesus ziemlich wichtig ist, ergibt schon Sinn. Doch wie kommt es, dass sie im Münchner Stadtbild gar so präsent ist? Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass sie ihrem Sohn, der ja der eigentliche Protagonist des katholischen Glaubens ist, zumindest bei uns in Bayern ein wenig die Show stiehlt.

Das hat Tradition: Marienverehrung in Bayern

Der Eindruck täuscht nicht, die Marienverehrung hat hierzulande tatsächlich eine recht lange Tradition. Bereits seit dem frühen Mittelalter hatten die bajuwarischen Christen an der Gottesmutter einen Narren gefressen. Das kann man allein an den zahlreichen Kirchen und Klöstern sehen, die in ihrem Namen entstanden sind. Auch Marienwallfahrten waren schwer beliebt, man könnte sogar sagen, dass das die erste Form des hiesigen Tourismus waren.

Mariensäule und Frauenkirche
Die wachende Muttergottes: Mariensäule und Frauenkirche im Zentrum von München

Ihren Höhepunkt erreichte der Hype um Maria aber vor allem zur Zeit der Gegenreformation. Die Heiligenverehrung, besonders die der heiligen Jungfrau, galt als durch und durch katholisch. Damit standen die Katholiken im krassen Gegensatz zum nüchternen Protestantismus, der es nicht gerade schätzte, wenn man in der Beziehung zu Gott einen “Umweg” über Heilige nahm. Reformatoren wie Luther oder Calvin waren der Ansicht, dass nur Jesus als Mittelsmann zwischen dem Menschen und Gott stehen sollte. Da hatte auch eine Gottesmutter nichts zu suchen, sie sei schließlich nur ein Mensch wie wir gewesen und kein himmlisches Wesen.

Kurfürst Maximilian I. hingegen, einer der glühendsten Katholiken seiner Zeit, förderte im Zuge der Gegenreformation die Verehrung Marias nicht nur massiv – er führte sie vielmehr verpflichtend in Bayern ein. Das Mitführen eines Rosenkranzes war unter seiner Herrschaft genauso vorgeschrieben wie das Morgen-, Mittags- und Abendgebet zum Angelusläuten. Er ging dabei sogar so weit, dass er eine eigene Religionspolizei einsetzte, die die angemessene Einhaltung der religiösen Vorgaben im Volk kontrollieren sollte.

Unterstützung von Oben: Marias Hilfe im Kampf gegen die Schweden

Diesem etwas fanatischen Marienverehrer verdanken wir auch die Mariensäule im Zentrum von München. Er stiftete sie anlässlich der unerwarteten Rettung Münchens vor seiner Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg. Denn als 1632 das protestantische Heer unter der Leitung Gustav Adolfs vor den Toren stand, sah es zunächst einmal recht düster für die bayerische Residenzstadt aus. Die Protestanten waren – gelinde gesagt – ziemlich angefressen, weil kurz zuvor das evangelische Magdeburg von katholisch-kaiserlichen Truppen vollkommen verwüstet worden war. Mit München hätten sie an einer katholischen Hochburg Rache nehmen können, doch mit einer “Brandschatzzahlung” von 300.000 Talern konnte die Stadt sich glücklicherweise freikaufen.

Der Kurfürst war von einer göttlichen Fügung überzeugt und bedankte sich bei der Mutter Gottes mit einem geweihten Denkmal für die kriegsentscheidende Unterstützung.  Mit der Mariensäule setzte Maximilian dem bildlichen Ausdruck seiner Verehrung für die schützende Gottesmutter die Krone auf, symbolträchtig wacht sie seitdem im Zentrum von München über die Stadt.

Angeberwissen für G'scheidhaferl

Maximilian I. hatte Maria bereits 1616 schon einmal als "Patrona Bavariae", also als die “Schutzheilige der Bayern”, an der Fassade der Münchner Residenz darstellen lassen. In dieser Statue liegt auch der in Bayern weit verbreitete Brauch begründet, Marienabbilder zum häuslichen Schutz an Häuserwänden anzubringen.

Patrona Bavariae - Die Schutzheilige der Bayern

Zwar hatte der Kurfürst dem bayerischen Marienhype mit seiner Patrona Bavariae ziemlichen Aufwind gegeben, die Vorstellung einer schützenden Mutter Gottes war jedoch auch zu Maximilians Zeiten nicht wirklich etwas Neues. Bereits seit dem 14. Jahrhundert waren Abbildungen der sogenannten Schutzmantelmadonna populär. Darauf wird Maria mit einem ausgebreiteten Umhang gezeigt, unter dem sie einer Schar von Gläubigen Zuflucht gewährt.

Die Theologieprofessorin Regina Radlbeck-Ossmann erklärt den Marienkult darum auch über das menschliche Urbedürfnis des “Wachsendürfens und Gehaltenwerdens”. Im besten Fall ermöglicht eine Mutter ihrem Kind, sich selbst zu entwickeln, während sie ihm gleichzeitig Schutz und Sicherheit gewährt. Auch verkörpert die Mutterliebe eine ganz besondere Form der Liebe, denn sie ist vollkommen bedingungslos. Psychologisch gesehen ist die Verehrung einer göttlichen Mutter schließlich die Sehnsucht nach einem mütterlichen Ideal, das eine echte Frau niemals gänzlich erfüllen könnte.

Aus dieser Sehnsucht ist schließlich das Bild der Schutzmantelmadonna ebenso wie die Patrona Bavariae entstanden. Sie sind Ausdruck des Bedürfnisses, auch als gestandener Erwachsener Zuflucht bei einer übergroßen Mutter finden zu können, wenn das Leben mit seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen einmal allzu überfordernd ist.

Somit ist es auch kein Zufall, dass Kurfürst Maximilian sich ausgerechnet an Maria wandte, als er um Unterstützung in den Auseinandersetzungen mit dem zähneknirschenden Schweden bat. Als Spenderin und Beschützerin des Lebens, war seiner Ansicht nach wohl niemand besser für diesen Job geeignet als die Gottesmutter höchst persönlich.

Schutzmantelmadonna
Schutzmantelmadonna an der Kirche Sogn Gieri bei Rhäzüns im Kanton Graubünden

Die Funktion als Patrona Bavariae behielt die Gottesmutter auch in den Jahrhunderten danach bei und während des 1. Weltkrieges ließen sich die Bayern das sogar von offizieller Seite bestätigen. Papst Benedikt XV. erkannte Maria 1916 als die formale Schutzheilige Bayerns an und erklärte, dass hier ein “Land der Marienverehrung und Marienorte” sei.

Und wie ist das heute mit der Marienverehrung?

Zwar versuchte der bayerische Staat während des Säkularisierungsprozesses Anfang des 19. Jahrhunderts den Kult um die Gottesmutter in Bayern einzudämmen – jedoch ohne Erfolg. Auf den Beistand ihrer Schutzpatronin wollten die Menschen auf keinen Fall verzichten und gingen weiterhin fleißig auf Marienwallfahrten, auch wenn diese zeitweise sogar streng verboten waren.

Wusstest du's?

Bis heute spielt der Pilgertourismus hierzulande eine nicht gerade unbedeutende Rolle, einer der weltweit meist besuchten Marienwallfahrtsorte liegt sogar in Bayern. So wird das oberbayerische Altötting jährlich von mehr als 1 Million Pilger besucht, die sich bei der Mutter Gottes ihren Beistand abholen oder um Heilung bitten wollen.

Auch hier in München wird in katholischen Kreisen die Marienverehrung nach wie vor hoch gehalten. So steht die Mariensäule noch immer auf geweihtem Boden und jeden Samstag wird dort der Rosenkranz gebetet. Und auch Heiligenstatuen, wie zum Beispiel die Hammerthaler Mutter Gottes in der Heilig-Geist-Kirche, erhalten seit jeher regen Besuch von Hilfe suchenden Gläubigen.

Doch nicht nur Katholiken profitieren davon, dass Maria nach wie vor in Bayern eine so treue Fangemeinde hat. Am heutigen Feiertag Mariä Himmelfahrt dürfen nämlich in Bayern und im Saarland alle die Leute frei machen, die in einer überwiegend katholischen Gemeinde leben – also auch wir hier in München.

Wenn du also das nächste Mal an der Mariensäule vorbeikommst, kannst du ja mal kurz vor der Gottesmutter stehen bleiben und „Danke“ sagen. Sei es für einen freien Tag mehr im Jahr oder auch einfach dafür, dass München überhaupt noch steht und damals nicht von den Schweden überrannt wurde. Denn gutes Benehmen wissen schließlich alle Mütter zu schätzen – bestimmt auch die göttlichen.

Literaturverzeichnis:

Andreas Estner; Matthias Morgenroth: Patrona Bavariae. Die große Liebe der Bayern, BR Podcast. Zeit für Bayern, ausgestrahlt am 01.05.2013. 

Artikel “Oh Maria, Mutter aller!”, BR-Online, aus der BR-Sendung: Religion und Orientierung vom 14.05.2017. 

Artikel “Marienverehrung und Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt”, BR-Online vom 15.08.2017. 

Artikel “Maria – Patronin von Bayern”, Erzdiözese München und Freising. 

Joachim Schäfer: Artikel “Maria – Schutzpatronin Bayerns”, Ökumenisches Heiligenlexikon, zuletzt aktualisiert am 27.04.2017. 

Patrick Obrusnik: Artikel “Madonna in der Diaspora? Maria und die lutherischen Franken”, BR-Online, zuletzt akutalisiert am 12.05.2017. 

Florian Stark: Artikel “Dreißigjähriger Krieg. Plünderungen, Brandschatzungen, Vergewaltigungen”, Welt-Online, veröffentlicht am 12.03.2018. 

Dieter Albrecht: Artikel “Maximilian I.”, in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 477-480 [Online-Version].

Artikel “Schutzmantelmadonna”, in: Das große Kunstlexikon von P.W. Hartmann [Online-Version]. 

Bildnachweis:

Beitragsbild: © Katrin Schultze-Naumburg

Mariensäule und Frauenkirche: © Katrin Schultze-Naumburg

Schutzmantelmadonna an der Kirche Sogn Gieri bei Rhäzüns im Kanton Graubünden: ©  Adrian Michael, Sogn Gieri Maria, CC BY-SA 3.0

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