Warum Geschichte wichtig ist? Weil sie täglich dein Leben beeinflusst

von katrin
Geschichtsbücher die sich in einer Glaskugel spiegeln

Warum ist Geschichte wichtig? Vielleicht erscheint dir diese Frage auf den ersten Blick ein wenig seltsam. Denn dass Geschichte wichtig ist, daran besteht eigentlich kein Zweifel. Schließlich gehört Geschichte zur Allgemeinbildung, oder?

Ja, schon. – Aber warum eigentlich?

Ich könnte dir jetzt mit einem faszinierten Leuchten in den Augen erzählen, wie interessant die Vergangenheit ist. Welchen Reichtum an Geschichten es zu entdecken gibt und wie gerne ich auf Spurensuche in längst vergangenen Zeiten gehe. Aber meine persönliche Faszination für alles Alte ist letzten Endes ja ziemlich subjektiv.

Stattdessen gibt einen wesentlich objektiveren Grund, der weit über Begeisterung und Faszination hinaus geht: Geschichte ist wichtig, weil sie beständig Einfluss auf dein Leben ausübt. Und das jeden einzelnen Tag.

Auch wenn uns die Vergangenheit meistens weit weg erscheint und wir das Gefühl haben, dass sie uns nicht mehr betrifft – das ist ein Trugschluss. Denn Geschichte steckt nicht nur zwischen Buchdeckeln. Die Vergangenheit ist auch heute in der Welt präsent, immer und überall.

Wenn du lernst, deinen Blick dafür zu schärfen, wirst auch du sie in jedem noch so kleinen und großen Detail deines Lebens entdecken.

Warum ist Geschichte wichtig?

Eine ausführliche Antwort darauf, was Geschichte genau ist, will ich lieber an anderer Stelle geben. Wenn ich es aber in zwei Sätzen zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass sich (Menschheits)Geschichte mit allem beschäftigt, was menschliche Lebenswelten in der Vergangenheit betrifft. Dabei bezieht sie alles mit ein, was Gegenstand und Auswirkungen dieser Lebenswelten war und untersucht, wie sie sich im Laufe der Zeit gewandelt haben.

Das klingt zugegebenermaßen sehr abstrakt und vielleicht ist eine Definition an dieser Stelle auch gar nicht nötig. Denn wenn du der Frage nachgehst, warum Geschichte wichtig ist, wirst du auch dem Wesen von Geschichte selbst näher kommen.

Eine Uhr in einer Bahnhofshalle symbolisch dafür, dass Geschichte wichtig ist
Geschichte ist mehr als bloß verrinnende Zeit
(Foto von William Fortunato von Pexels)

Ich werde in diesem Artikel auch keine erschöpfende Antwort darauf geben können, warum Geschichte wichtig ist – und habe auch gar nicht den Anspruch, das zu tun. Ich möchte lieber auf drei Aspekte eingehen, die für mich persönlich von besonderer Bedeutung sind. Sie sind die Essenz dessen, warum ich Historikerin geworden bin.

Geschichte ist wichtig, weil sie…

…dich lehrt, dass du Teil eines größeren Ganzen bist. Sie lässt dich in einer komplexen und kleinteiligen Welt einen Schritt zurücktreten, damit du die größeren Zusammenhänge und das Gesamtbild erkennen kannst. Dadurch gewinnst du neue Perspektiven und kannst über den Tellerrand deiner eigenen Lebenszeit hinaus blicken.

…dir hilft, die Prozesse und Herausforderungen der Gegenwart in ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen. Dadurch gewinnt deine Weltsicht an Objektivität, du kannst reflektierte und authentische Haltungen zu aktuellen Themen entwickeln und verantwortungsvoll eine lebenswerte Zukunft mitgestalten.

…dich zu einer neuen Form der Selbsterkenntnis führen kann. Die Beschäftigung mit Geschichte schärft dein Bewusstsein dafür, dass Gesellschaften und Zeitgeister wandelbar sind. Mit diesem Wissen kann es dir gelingen, Abstand zu deinen eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Prägungen zu gewinnen und ein bewussteres Leben zu führen.

Diese drei Punkte finde ich besonders bedeutsam. Sie geben der Beschäftigung mit Geschichte eine Tiefe, die weit über die Standardaussage „Geschichte gehört halt zum Allgemeinwissen“ hinausgeht. Im Folgenden will ich dir genauer beschreiben, was ich unter jedem dieser Aspekte verstehe und warum sie aus meiner Sicht so wertvoll für dich sind.

Geschichte ist wichtig, weil du Teil eines Ganzen bist

Manchmal fällt es uns Menschen schwer, das große Ganze im Blick zu behalten. Oft fixieren wir uns stattdessen so sehr auf einen kleinen Teilbereich, dass das Gesamtbild dabei völlig aus unserem Sichtfeld verschwindet. Dann laufen wir Gefahr, dass wir uns im Labyrinth der Kleinigkeiten verlieren.

Die Fähigkeit zur Fokussierung und die Umwelt auszublenden ist in Situation wie der Abiturprüfung oder der Säbelzahntigerjagd fraglos von großem Nutzen. Wenn es aber darum geht, das bigger picture nicht aus den Augen zu verlieren, kann uns die menschliche Neigung zum Tunnelblick ziemlich im Weg stehen. Denn er macht uns blind für das, was sich außerhalt unserer selektiven Wahrnehmung befindet.

Das ist mit ein Grund dafür, wieso du auch deinen Zeithorizont erweitern solltest. Anstatt den Fokus ausschließlich auf deine eigene Zeit zu legen, schadet es nicht, ab und an den Kontext zu betrachten, in den sie eingebettet ist. Geschichte ist wichtig, weil du mit ihr das große Ganze im Blick behältst.

Denn historisches Wissen hilft dir, mehr als nur dein eigenes Leben zu sehen.

Die Kleinteilung unserer Welt

Unsere Welt ist sehr kleinteilig geworden. Das hat vor allem mit der Menge an Wissen zu tun, die wir in den letzten Jahrhunderten angehäuft haben. Denn ab dem 16. Jahrhundert wurde eine wissenschaftliche Revolution angestoßen, die einen massiven Schub an neuen Erkenntnissen zur Folge hatte. Sein Weltbild, das bis dahin eher ganzheitlich war, hat der Menschen seitdem durch immer detaillierteres Fachwissen ersetzt.

Vor allem in den Naturwissenschaften kannst du das sehr deutlich erkennen. Nimm zum Beispiel die chemischen Elemente. Gute zweitausend Jahre lang hatten Gelehrte die Welt in die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft eingeteilt – bis Chemiker ab dem 18. Jahrhundert auf einmal immer mehr neue Elemente entdeckten. Die alte Vierteilung wurde abgelöst und die Welt von Forschern in immer kleinere Bestandteile zerlegt.

Mikroskopische Wassertropfen
Woraus besteht die Welt? Die Antworten werden seit 400 Jahren immer genauer und kleinteiliger
(Foto von Anthony von Pexels)

Inzwischen sind über hundert chemische Elemente bekannt, was eine ganzheitliche Sicht um einiges schwerer macht. Denn während du bei vier Teilen intuitiv noch das Konzept des „Ganzen“ mitdenkst, verschwindet es bei einer Zahl wie 118 aus deinem Bewusstsein. Du hast nur noch die Einzelteile vor Augen, nicht das Gesamtbild.

Doch nicht nur in den Naturwissenschaften ist das Wissen sehr kleinteilig geworden. Auch in jedem anderen Fach- und Lebensbereich gibt es immer spezifischere Untereilungen. Von Paläo-Ernährung bis Electroswing findest du für jedes Gebiet die passende Subkategorie.

Ohne Frage ist es fantastisch, dass wir über diesen wertvollen Schatz an Spezialwissen verfügen. Doch wie gesagt: Bei all der Detailversessenheit vergessen wir manchmal, das große Ganze im Blick zu behalten. Wir sehen sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Erst wenn wir einen Schritt zurücktreten, gerät das Gesamtbild wieder in unser Sichtfeld und wir erkennen den Kontext, in den die Details eingebunden sind. Dieser Schritt zurück wird immer wichtiger, je mehr wir wissen und je mehr wir die Welt in ihre Bestandteile zerlegen können.

Alles ist miteinander verbunden

Denn nichts auf dieser Welt steht nur für sich allein. Im Gegenteil: Alles ist miteinander verbunden und Teil eines größeren Ganzen.

Ein Gesamtbild ergibt sich erst aus der Summe seiner Teile, so wie jedes einzelne Element nur im Zusammenspiel seine Bestimmung erhält. Die Uhr tickt nicht, wenn ein Rädchen im Getriebe fehlt und das Rädchen erfüllt ohne die Uhr keinerlei Funktion.

Uhr mit Uhrwerk
Wie Rädchen in einem Uhrwerk sind die Elemente unserer Welt miteinander verbunden
(Foto von Ej Agumbay von Pexels)

Oft vergessen Menschen aber, dass sie Teile größerer Systeme sind. Dass der moderne Mensch sich außerhalb eines höheren Organismus sieht, zeigt sich deutlich im heutigen westlichen Zeitgeist. Mehr als jemals zuvor, ist unsere Gesellschaft von Individualismus anstatt von systemischem Denken geprägt.

Das hat dramatische Folgen. Denn wenn ein Mensch sich nicht als Teil eines Systems betrachtet, wird er blind dafür, welche Auswirkungen sein Handeln auf andere Elemente innerhalb der Ordnung haben. Dass westliche Gesellschaften immer anonymer, Ich-bezogener und einsamer werden, hat unter anderem auch damit zu tun. Die zerstörerische Kraft dieser Haltung manifestiert sich nicht zuletzt im Zustand unseres Heimatplaneten.

Es lohnt sich daher, ab und an den Blick zu heben und ihn schweifen zu lassen. Und zwar in nur jede denkbare Richtung – auch zurück. Denn Geschichte lehrt dich, deine heutige Lebenswelt im großen Ganzen der Zeit zu verorten. Wenn du den Kontext kennst, in dem deine eigene Zeit eingebettet ist, wirst du auch die Verbindungen erkennen, die zwischen deinem Leben und den Generationen vor und nach dir bestehen.

Deine Lebenswelt ist eine von vielen

Dieser Kontext hilft dir schließlich dabei, die Perspektive zu wechseln. Historisches Bewusstsein fördert deine Fähigkeit mehr als nur eine Sicht der Dinge zu entwickeln. Denn der Blick zurück führt dich ebenso über deinen Tellerrand hinaus, wie zum Beispiel die Reise in ein entferntes Land.

Es ist doch so: Immer dann, wenn du einen anderen Kulturkreis kennengelernt hast, wurdest du zeitgleich nicht nur mit der fremden, sondern auch deiner eigenen Lebensrealität konfrontiert. Dabei hast du gelernt, dass es mehr als nur die eine Art gibt, ein Leben zu gestalten. Und du hast erkannt, dass nicht alle Menschen dieselben Wahrheiten leben oder unsere westlichen Kategorien allumfassende Gültigkeiten haben.

Du kannst es Toleranz nennen, Aufgeklärtheit, Offenheit, Bildung.

Oder ganz einfach ausgedrückt: Horizonterweiterung.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit hat eine ähnliche Wirkung. Das klingt vielleicht erst einmal widersprüchlich, weil Geschichte ein eher konservatives Image hat. Doch wenn du Geschichte nicht als etwas Statisches, sondern in ihrer Prozesshaftigkeit begreifst, ergibt sich eine völlig andere Sichtweise.

Es kann nie Schaden eine neue Perspektive einzunehmen
(Foto von Oleg Magni von Pexels)

Je mehr du über die Generationen und Gesellschaften weißt, die vor dir gelebt haben, desto facettenreicher wird das Bild werden, das du von der Welt hast. Denn du wirst feststellen, dass die heutige Kultur nicht etwa besser, sondern einfach nur anders ist.

Jede Gesellschaft schafft sich ihre eigenen Regeln und Konstrukte, nach denen sie lebt. Das gilt gleichermaßen für die unterschiedlichen Regionen dieser Erde wie für die verschiedenen Zeitepochen. Um eine fremde Kultur zu entdecken, musst du also nicht immer ans andere Ende der Welt fahren.

Du kannst dich auch auf eine kleine Reise durch die Zeit begeben und herausfinden, wie die Welt bei dir Zuhause einmal aussah.

Geschichte ist wichtig, weil du mit ihr die Gegenwart verstehen lernst

Auch um die Gegenwart zu verstehen, ist Geschichte wichtig. Schließlich ist deine heutige Lebenswelt nicht einfach so im luftleeren Raum entstanden und unsere Gesellschaft plötzlich im 21. Jahrhundert aufgewacht, umgeben von Smartphones, agilen Arbeitsmethoden und Genderdebatten.

Dass wir den Eindruck haben, dass zwischen Heute und Früher keine Verbindung besteht, hängt mit unserer Vorstellung und Vermittlung von Geschichte zusammen. Historisch wird vor allem an punktuelle Ereignisse erinnert, Zeiten werden in Epochen eingeordnet und mit Merkmalen versehen. Es scheint, als gäbe es so etwas wie klar definierte Zeitabschnitte mit eindeutigen Start- und Endpunkten.

Doch das ist eine Illusion. Alles was es gibt, sind Prozesse und Entwicklungen.

Das, was wir heute lehren und denken, woran wir glauben und was wir allgemein für richtig und gültig halten, sind Ergebnisse von Aushandlungsprozessen vergangener Generationen. Unsere Wurzeln gehen dabei bis in die Antike und ins Mittelalter zurück. Wie ich oben schon gesagt habe: Alles ist miteinander verbunden.

Jede einzelne Überzeugung, die du in dir trägst, ist historisch gewachsen. Jeder Gegenstand, den du benutzt, jede Norm und jeder Wert, denen du folgst, jeder noch so kleine Aspekt deines Lebens ist das Ergebnis geschichtlicher Entwicklungen.

Die hohe Kunst der Meinungsbildung

Alles, was jeden Tag auf der Welt passiert, hat seine eigene Geschichte. Dabei ist es egal, ob es um den deutschen Föderalismus, das heutige Frauenbild oder unsere Leistungsgesellschaft geht. Sich nur darauf zu konzentrieren, was heute noch sichtbar ist, wird der Sache nicht gerecht. Das wäre so, wie wenn du durch das Fenster deiner Wohnung auf einen kleinen Ausschnitt einer Straße schaust und behauptest, die ganze Stadt zu kennen.

Der Blick durchs Fenster zeigt immer nur einen kleinen Ausschnitt
(Foto von Aleksandar Pasaric von Pexels)

Das Wissen um die Geschichte hinter den Dingen ist mächtig. Denn du kannst sie nutzen, um die Herausforderungen unserer Zeit in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Leider entsprechen nuancierte Sichtweisen in Zeiten von Social Media und identity politics nicht dem aktuellen Trend, zu allem eine eindeutige und absolute Meinung zu haben. Komplexere und historische Zusammenhänge werden entweder ganz ignoriert oder als Waffe und Rechtfertigung missbraucht. Dabei steht nicht die Erkenntnis im Vordergrund, sondern das Bedürfnis recht zu haben.

Wenn du jedoch tiefer gräbst, um Hintergründe, Zusammenhänge und verschiedene Perspektiven aufzudecken, wirst du eine Ebene des Verständnisses erlangen, die weit über „recht haben“ hinausgeht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass es auf komplexe Fragen selten einfache und erst recht keine eindeutigen Antworten geben kann.

Eine Meinungshoheit für sich allein zu beanspruchen, ist nicht nur anmaßend und kurzsichtig, sondern gefährlich. Auch das lehrt uns die Vergangenheit.

Anstatt also von einer aufgeregten Flut aus Meinungen fortgespült zu werden, kannst du mit Abstand und Weitsicht deine eigene Sicht der Dinge entwickeln. Eine Weltsicht, die auf wahrem Verständnis gründet, nicht auf Trends.

Gestalte zukunftsfähige Entscheidungen mit

Egal ob es um Politik, Wirtschaft oder die Gesellschaft geht, wir befinden uns in einem fortlaufenden Prozess von Aushandlungen. Wir setzen uns ununterbrochen mit den Systemen auseinander, die wir Menschen uns selbst geschaffen haben. Dabei sind wir ständig gezwungen, Entscheidungen zu treffen und zu hoffen, dass es die richtigen sind. Genau wie es Generationen von Menschen vor uns getan haben.

Was frühere Entscheidungen für einschneidende Auswirkungen haben können, erlebt die Menschheit heute sehr schmerzhaft mit Blick auf ihren Heimatplaneten. Nach Jahrhunderten der Ausbeutung, der Umweltverschmutzung und des rücksichtslosen Fortschrittstrebens, erhält sie nun die Quitting.

Wenn der Mensch als Spezies weiterhin überleben will, muss er lernen umzudenken. Und er muss begreifen, was ihn hierher geführt hat. In der Folge genügt es allerdings nicht, mit dem Zeigefinger auf alte weiße Männer zu zeigen und einen Regelkatalog voller Verbote zu erstellen.

Für die Zukunft der Erde ist Geschichte wichtig
Der Mensch muss lernen verantwortungsbewusst mit der Erde umzugehen
(Foto von Valentin Antonucci von Pexels)

Es ist verwunderlich, dass der Mensch gerne Rechnungen ohne den Menschen aufstellt. So gute Antworten uns Naturwissenschaften und Technik auch liefern können, sie bieten keine ganzheitlichen Lösungen. Um überleben zu können, müssen wir lernen alle Aspekte mit einzubeziehen und unser Wissen über Grenzen hinweg zu verbinden. „Harte“ wissenschaftliche Fakten müssen daher ebenso gesehen werden, wie die weniger augenscheinlichen Eigenschaften, die vor allem die Bewohner dieser Erde ausmachen.

Philosophie, Ethik, Psychologie, Geschichte – wenn die Menschheit zukunftsfähig sein will, muss sie auch diese Formen des Wissens mit einbeziehen. Denn diese Disziplinen schenken uns Menschen ein Verständnis von uns selbst. Ohne das werden wir es nicht schaffen, die großen Herausforderung zu meistern, die unsere Zeit an uns stellt.

Wenn du ein Verständnis für die Vergangenheit hast, hast du auch einen Begriff von Zukunft. Denn was gestern noch Zukunft war, ist das Jetzt von heute. Deshalb brauchen wir auch das Wissen um die eigene Geschichte und die Prozesse, die uns an diesen Punkt gebracht haben.

Wir müssen uns also immer wieder fragen: Was hat uns hierher geführt und wieso?

Geschichte ist wichtig, weil sie dich zur Selbsterkenntnis führt

Geschichte lehrt uns also, dass Kulturen, Gesellschaften und Lebenswelten nicht in Stein gemeißelt sind. Sie sind das Ergebnis von historischen Prozessen und wandeln sich im Laufe der Zeit.

Und so abstrakt das alles auch klingen mag: Du selbst bist ein Teil davon – und somit auch Teil dieser Entwicklungen.

Das Konzept einer “kulturellen Identität” wird seit einigen Jahren viel und heftig diskutiert. Weil das Thema so komplex ist und eine sehr differenzierte Betrachtung erfordert, möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen. Grundsätzlich bin ich aber der Überzeugung, dass jeder Mensch eine kulturell geprägte Identität besitzt. Entgegen rechtsideologischer oder reaktionärer Strömungen denke ich aber nicht, dass diese unveränderbar oder einer Hierarchie unterworfen sind.

Dennoch: Dein Verständnis von der Welt wird maßgeblich von der Kultur mitgeprägt, in der du lebst. Wie du dich selbst wahrnimmst, woran du glaubst, was du für richtig und falsch hältst, welche Werte und Normen du vertrittst – all das sind Dinge, die dir von deinem Umfeld und der Gesellschaft seit Kindesbeinen vermittelt wurden.

Die Erkenntnis, dass du nicht frei von kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen bist, ist mächtig. Sie erlaubt dir, deine Identität neu zu betrachten – und dich womöglich davon zu lösen.

Ganz genau: Zu lösen.

Denn deine kulturelle Identität zu erkennen, soll dich nicht dazu anleiten, dich daran festzuklammern. Nimm das Wissen um die Wandelbarkeit von Gesellschaften vielmehr als Anregung, deine Weltsicht in mancherlei Hinsicht zu überdenken. Dahinter verbirgt sich die Chance, einen neuen Blick auf dich selbst zu gewinnen.

Wissen ist Macht, Erkenntnis ist Freiheit. Wenn du weißt, welche Konstrukte deine tägliche Lebensrealität bilden, kannst du dich bewusst für oder gegen sie entscheiden. Nichts ist in Stein gemeißelt, Zeiten und Gesellschaften sind wandelbar – und du hast die Wahl.

Aus diesem Grund hat Wissen über Kultur, Gesellschaften und ihre Geschichte etwas mit Selbstermächtigung zu tun. Du und ich, wir sind Produkte unserer Gesellschaften und Gesellschaften ändern sich.

Auch das lehrt uns der Blick in die Geschichte – und schenkt dir die Möglichkeit, dein Leben bewusst und autonom zu gestalten.

Fazit

Du siehst: Geschichte hat großen Einfluss auf dein Leben.

Angefangen bei politischen Entscheidungen bis hin zu deiner eigenen Identität bestimmt sie jeden noch so kleinen Teil deiner Lebenswelt.

Die Welt erscheint oft chaotisch, komplex und ziemlich überwältigend. Dabei ist es gar nicht so schwer, grundlegende Zusammenhänge und Hintergründe zu erkennen. Die Kenntnis von Geschichte kann dir helfen, ein Stück weit Ordnung in das Chaos zu bringen und Abstand zu gewinnen. Denn sie liefert dir Kontext, schenkt dir neue Perspektiven und erweitert deinen Horizont.

Wenn du die Hintergründe und Zusammenhänge von den Dingen begreifst, die um dich herum geschehen, musst dich nicht darauf verlassen, dass andere die richtigen Entscheidungen treffen. Und auch das aufgeregte Meinungsgetöse von Social Media und öffentlichen Debatten reißt dich nicht mit. Stattdessen kannst du die Zukunft authentisch und mit einem guten, sicheren Gefühl mitgestalten. Weil du verstehst, worum es geht. Und weil du das Gesamtbild im Blick behältst, anstatt auf absoluten Wahrheiten zu verharren.

Und schließlich ist das Wissen um die eigenen Herkunft, Geschichte, Kultur und Gesellschaft auch eine Form der Selbsterkenntnis. Weil du Teil dieser Welt bist, ist deine Identität untrennbar mit ihr verflochten. Jede neue Erkenntnis über deine Lebenswelt ist somit auch eine neue Erkenntnis über dich selbst – und die Chance dich davon zu befreien.

Die Frage, warum Geschichte wichtig ist, ist somit nicht nur eine Frage der Allgemeinbildung. Sie ist auch eine Frage danach, wie frei, selbstbestimmt und aufgeklärt du dein Leben gestalten willst. Denn Wissen liefert Verständnis und Verständnis bietet die Voraussetzung für freie Entscheidungen. Das heißt auch, Verantwortung zu übernehmen: Für die Welt, in der du lebst, genauso wie für dich selbst.

Und davon kann die Welt heutzutage eine ganze Menge gebrauchen.

Bildnachweis

Beitragscover: Katrin Schultze-Naumburg

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